Kritik LZ vom 18. April 2016

 

 

Ein Blaustrumpf mausert sich zur Madame

 

Nikola gelingt mit Boulevardkomödie "Die Kaktusblüte" ein amüsanter Theaterabend

 

Von Michaela Schabel


Ein simples Boulevardstück, doch wie reizend gespielt! Dem Theater Nikola gelingt mit der "Kaktusblüte" ein charmant unterhaltsamer Theaterabend, in dem das französische Flair der 50er Jahre ein amüsantes Revival erlebt. Der kleine bürgerliche Kosmos kreist um Amour und kleine Betrügereien. Die Wahrheit bringt die Lügengebilde zu Fall und letztendlich finden sich die Menschen, die zusammenpassen. Julien, Zahnarzt fortgeschrittenen Alters, Single und Frauenvernascher hat einen besonderen Trick auf Lager: Wenn andere Männer den Ehering abnehmen, steckt er ihn an und gibt sich als Ehemann mit drei Kindern aus. Damit behält er alle Freiheiten. Als Isabelle, seine neueste, sehr junge Geliebte, sich umbringen will, merkt er, wie er sie liebt und will sie heiraten. Nun beginnen die Probleme, denn Isabelle, die Juliens Ehrlichkeit über alles schätzt, besteht darauf, dessen Frau und Kinder kennenzulernen. Da kann nur die blaustrümpfige Sekretärin Stefanie helfen, die insgeheim ihren Chef liebt.  

Kritik LZ

 

Bezaubernd, die Madames, hier Julia Wiesner als Isabelle

Trotz Neurosen und Widersprüchen wird alles gut.
Im Vergleich zu den quirligen Frauen wirkt die Männerwelt insgesamt etwas ungehobelt (Mathias Paintner/Patient) und verschlafen (Aaron Junglbut-Klemm/Nachbar).
Karlheinz Attenkofer spielt den geizigen Zahnarzt-Playboy naiv-tollpatschig. Klar, dass er bei der flotten, vifen Stefanie langfristig keine Chancen hat. Mit Julia Wiesner wandelt sich Isabelle von der verheulten Hysterikerin zur kessen, schlagfertigen Mademoiselle, der man einfach nicht böse sein kann. Zum schauspielerischen Highlight wird Ina Lehmann als schrullige Sekretärin. Wie sie die Augen rollt, die Mundwinkel verzieht, sich vom Blaustrumpf in eine attraktive Madame verwandelt, ist tres charmant. Dass die Madames, auch die herrlich neureich-exaltierte Patientin Durand (Daniela Seimel), so bezaubernd wirken, liegt nicht zuletzt an den schwungvollen Petticoat Kleidern (Kostüme: Sabine Hoffmann und Sophia Jackermeier).  
Ein sehr durchsichtiges Chaos beginnt. Immer komplizierter wird das Lügengeflecht und herrlich kitschig das Happy End. Das konnte sehr schnell sehr langweilig werden. Aber die Nikolaner wissen Regie zu fuhren und haben nun in der zweiten Generation sehr begabte Darsteller, die das altbackene Stück charmant aufpeppen. Die breite Bühne des Pfarrsaals wird geschickt in drei Räumlichkeiten umfunktioniert. Lichtwechsel verorten zwischen Schlafzimmer, Praxis, Schallplattenladen.
Ein Vorhang verwandelt die Szenerie in eine Bar. Harte Schnitte verdichten den Text. Sabine und Rebecca Wiesner führen exakt Regie. Statt das Tempo in den boulevardesken Wahnsinn zu treiben, arbeiten sie die emiotionale Herz-Schmerz-Dramatik paradistisch  heraus, womit das Stück einen beschwingten Seifenopern-Charakter bekommt.