Kritik "Plötzlich letzten Sommer"

Landshuter Zeitung

 

Tanz um die Wahrheit

"Plötzlich letzten Sommer": Emotional bewegendes Theater in Nikola

Von Rita Neumaier
Es ist keine leichte Kost, die das Theater Nikola in seiner Frühjahrsproduktion serviert. Doch die Insnenierung von Tennessee Williams' "Plötzlich letzten Sommer" zog das Publikum bei der Premieream Samstag von Anfang bis Ende in den Bann. Das Stück hätte auch keine Pause vertragen, die die beklemmende Spannung unterbrochen hätte.
Übergriffige Mütter sind ein Lebensthema des amerikanischen  Authors Tennessee Williams (1911 bis 1983). Die reiche Witwe Violet Venable (Gaby Butz) ist eine Mutter, die ihren toten Sohn Sebastian bis zur Unerträglichkeit idealisiert. In Sebastians Garten, einem gekonnt minimalistisch dargestellten "gepflegten Dschungel", empfängt sie den  Chirurgen Dr. Cukrowicz (Aaron Jungblut-Klemm), den sie mit der Unterstützung seiner Forschungsarbeit ködern will. Dafür soll er mit einer Gehirnoperation - einer Lobotomie - ihrer Nichte Catherine Holly (Sabine Hoffmann) die "grässliche Geschichte" aus dem Kopf schneiden, die diese über die Umstände von Sebastians Tod erzählt.
Doch Catherine, die seit dem traumatischen Ereignis in der Psychatrie untergebracht ist, wird auch von ihrer Mutter (Sonja Trompke) und ihrem Bruder George (Mathias Paintner) unter Druck gesetzt. Sie darf den Ort, an dem ihre Tante mit ihrer sklavisch ergebenen Dienerin Miss Foxhill (Martina Rössner) lebt, nur mit ihrer gestrengen Aufseherin Schwester Felicity (Stefanie Platzeck) aufsuchen. Mrs. Venable macht die junge Catherine, die Sebastian auf eine Reise begleitet hat, die er "plötzlich im letzten Sommer" ohne wie sonst mit ihr, seiner Mutter, machte, für den Tod ihres Sohnes verantwortlich.
Das Geschehen auf der Bühne des Pfarrsaals von St. Nikola ist aufgeladen von einer beklemmenden Atmosphäre aus Hass, Gier und Verzweiflung. Hut ab vor der emotionalen Intensität der Darsteller! Vor allem von Mrs. Venable in ihrer verabscheuungswürdigen  Verblendung und der kindlichen  Catherine in ihrer anmutigen Verstörtheit.
Im Vergleich mit diesen  eindringlich gespielten Inkarnationen von Liebe und Hass, Unschuld und Berechnung in Reinkultur können etwa die schreckschraubenhafte Mrs. Holly und deren schmieriger Sohn nur Randfiguren bleiben. Ebenso wie der Chirurg in seiner zaudernden Sachlichkeit und das zur Passivität verdammte Personal.
Am Anfang steht ein bewegender, sinnlicher Paartanz, am Ende das helle Erschrecken über das Ausmaß menschlicher Abgründigkeit. Zusammen mit dem endzeitlichen Soundtrack aus Songs von "Guns n'Roses" ergibt sich ein Theaterabend, der wohl niemanden kalt lässt.

Plötzlich letzten Sommer LZ


 

Landshut Aktuell

"Schneidet ihr diese Geschichte aus dem Kopf!"

Theater Nikola beeindruckt mit Tennesse Williams "Plötzlich letzten Sommer"

Ein rotes Podest, ein Stuhl darauf im weißen Umfeld, durchschnitten von einem grünen Streifen als Hinweis auf einen Garten. Die Natur, die Reisen genügen Reinhart Hoffmann für seine oszillierende Inszenierung zwischen Klinik und Villa, verborgenen Psychosen und den fragwürdigen Praktiken der Gehirnforschung. Er fokuisiert voll auf Tennessee Williams Sprache, den Ausdruck der Schauspieler schafft Atmosphäre durch Musik, die Farbsymbolik der Kostüme und entwickelt trotz der Handlungsarmut des Stücks ein spannend stilisiertes Kammerspiel für sieben Personen.
Eine Frau in Weiß umtanzt einen Mann in Weiß. Sie umflirtet ihn, er bleibt zunächst distanziert. Mit diesem Blitzlicht in die Vergangenheit, wie sich später herausstellt, baut die Inszenierung den schönen Schein einer Realität auf, den das Spiel Stück für Stück niederreißt.

Irre Geschichten
"Plötz1ich letzten Sommer", begleitete  Catharine ihren Gousin Sebastian auf seiner Reisein den Süden. Jetzt ist er tot, sie in diversen Heilanstalten unter  Elektroschockbehandlung, weil sie irre Geschichten über Sebastians Tod erzählt. Getötet und "angefressen" wurde er von armen Kindern. Sebastians vermögende Mutter will einen Gehirnforseher überreden, Catherjne diese Geschichte aus dem Kopf zu schneiden, damit das Andenken an ihren idealisierten Sohn nicht weiterhin beschmutzt wird. Der Arzt hört die Geschichte, glaupt Catherine und bewahrt sie vor dem Schicksal der Lobotomie und deren oft schrecklichen Nachwirkungen.
Schnell wird klar, dass die Mutter(Gaby Butz) krank ist. Mit ihrer Idealisierung drängte sie ihren Sohn in eine sklavisch-inzestiöse Beziehung, womit sie die Homosexualität; den Snobissmus und das mäßige schriftstellerische Vermögen ihres Sohnes vertuschen wollte.
So bizarr die Geschichte klingt, beruht sie doch auf tobiografischen Tatsachen, Tennessee Williams(1911 bis 1983) Angst nicht mehr schreiben zu kö,nen, seine Homosexualität und schwierige Familienkonstellationen. Die Eltern, erlaubten den Eingriff einer Lobotomie bei seiner schizophrenen Schwester, was er ihnen nie verzieh.
Unerwartet gut gelingt den Laiendarstellern des Theater Nikola die Darstellung dieser Psychosen. Reinhart Hoffmann typisiert die Figuren, unterstützt durch die Kostüme.
Im Schwarz der Stoffe flammt leidenschaftliches Rot auf. Sebastian, in bunten Fotokopien an die Wand gepinnt, bleibt die große multiplizierbare Unbekannte, die es zu recherchieren gilt. Schritt für Schritt arbeitet Gaby Butz die psychotische Instabilität der Mutter heraus. Herrisch thront sie auf dem Podest. Ihre lasziv-lesbische Beziehung zu ihrer Dienstbotin, von Martina Rössner dankbar unterwürfig erwidert, spiegelt ihr einstiges Verhältnis zu ihrem Sohn, dessen Verlust sie zur aggressiven Furie werden lässt. Sabine Hoffmanns Spiel zwischen geschundener Kreatur, aufflammendem Irrsinn und jugendlich verführerischem Mädchencharme, nicht zuletzt durch die leitmotivische Flucht in den Tanz, befreit die Inszenierung von der Enge des schönen Scheins und entführt in die Emotionalität einer reinen Seele. Mit tiefgründigem Blick durchschaut Aaron Jungblut-Klemm als Gehirnforscher die Situation schnell und lässt ein happy End mit Catherine ahnen.
Ironisch ausgestellt inszeniert Reinhart Hoffmann die übrigen Nebenfiguren, herrlich schrill grotesk, altmodisch aufgedonnert von Sonja Trompke in Szene gesetzt, dreist derb Catherines Bruder als Möchte-Gern-Snob von Mathias Painter, in schwarzem Lack die Krankenschwester als gewöhnungsbedürftige Domina der ersten Hilfe (Stefanie Platzek).
Michaela Schabel

Plötzlich letzten Sommer LZ